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Raumzeichen als Erinnerungsspuren
Ev Loehrs schwebende Papierarbeiten
Loehrs luzide Chiffrensprache wirkt zugleich deutungsoffen und rätselhaft.
Neben dem Thema Sprache und Schrift ist die Rückführung des Materials zu seinem
Ursprung ein Hauptthema.
Viele ihrer Arbeiten lassen an organische Mikrostrukturen denken: hauchzarte
Algengewächse, Steinflechten als Urformen floralen Lebens - auch wenn konkrete
Assoziationen keineswegs gewollt sind. Im Gegenteil.
Unbenennbar, unfixierbar wollen diese Organismen sein. Inspiriert von der strukturellen
Vielfalt der Natur, lässt Ev Loehr in ihrer Arbeit persönliche und unpersönliche
Erinnerungszeichen, Privates und Universelles ineinander fließen.
Intuitiv ist diese Arbeit, die keinem zeichnerischen Plan, keinem Kalkül folgt, sich aber
einem formalen Purismus verpflichtetet weiß.
Roh und unmittelbar treten uns ihre Raumzeichen entgegen.
Ihre oft kalkweißen, mitunter mit graffitihaftem Krakelee versehene Oberflächen mögen
an menschliche Leiderfahrung denken lassen, an stille Rufe aus der Isolation. Historische
Assoziationen drängen sich geradezu auf.
Jede Konkretion widerstrebt der Künstlerin, die sich immer wieder mit deutscher Schuld
und Leiderfahrung intensiv beschäftigt.
Ev Loehrs rätselhafte Raumbilder stellen Fragen, ohne die Antworten auch nur entfernt
nahe zu legen. Die Offenheit ihrer Schöpfungen ist ein Ausdruck neu gewonnener
Freiheit. So wundert es nicht, dass Loehr auch dem überkommenen Werkbegriff
skeptisch gegenüber steht.
Eherne Dauer und formale Geschlossenheit widerstreben dem Lebensgefühl der
Künstlerin derart, dass sie die Segmente ihrer Bilder, lose verbunden, für
Neukombinationen bereithalten will.
Dann wiederum legt sie Arrangements fest, ordnet sie zu Werkgruppen die meist ohne
konkreten Titel bleiben. Schwarze und weiße Arbeit, nennt Ev Loehr manche ihrer
dreidimensionalen Bilder, wobei die Vermutung nahe liegt, dass sie konkreten
Gefühlsäquivalenten entsprechen. Leiter, Rad und Notenständer in der "Weißen Arbeit
drei" etwa haben eine Miro-haft spielerische Leichtigkeit. Sie scheinen die Lichtseiten
einer vom Krieg überschatteten Jugend auf dem Lande zu spiegeln. Sicher eines ihrer
poetischsten Werke.
Erstaunlich, wie der Werkstoff Papier unter den Händen der Künstlerin seine Konsistenz
und Anmutung verändert, zur Rinde, Wolke oder hauchdünnen Faser werden kann, wie
ihre Raumgrafik sich mal dem Organischen, mal der dem Geistig-Synthetischen
zuwendet, ohne je an elementarer Fremdheit einzubüßen. Ob er sich einem lichten Wald
fragil- ornamentaler Buchstaben gegenüber sieht, einer wandhaften Rindenstruktur oder
einem sich auffächernden fischhaften Wesen, das den Raum in grazilen Schwüngen zu
durchschweben scheint immer ist der Betrachter irritiert von der Fremdartigkeit von
Wesen, die ihre Existenz überraschenderweise demselben Stoff verdanken:
In seinen letzten Schritten gleicht der Prozess von Loehrs skulpturaler Arbeit der eines
Malers. Wenn sie ihre filigranen, mitunter mit Spezialkleister verbundenen Fragmente im
Raum ordnet, entspricht diese Hängung dem Farbauftrag auf der Leinwand. Es gibt
"Übermalungen", "Überschneidungen", pastose Materialität und luzide Durchbrüche.
Nicht das Volumen, sondern die Akzentuierung des Raums durch behutsame Gesten ist
das Thema dieser plastischen Kunst, die der Malerei und Zeichnung offenbar mehr
verdankt als der Bildhauerei. Die entscheidende Differenz zur Leinwandarbeit besteht in
der Variabilität des Bildes, der realen Bewegung seiner dreidimensionalen Elemente, die
unter dem wechselnden Blickwinkel ständig ihre Gestalt verändern. Konturen
überschneiden und verschieben sich, bei jeder Standortveränderung formt sich ein neuer
Eindruck. Entscheidend bleibt dabei die quasi graphische Wirkung. Verfestigungen
aufzulösen, Erwartungen - auch denen des Kunstmarktes - entgegenzuwirken, ist die
erklärte Absicht von Ev Loehrs Raumgraphik, die vom Betrachter deutliche Distanz
verlangt - und ihn doch mit Behutsamkeit gefangen nimmt.
Stefan Tolksdorf
Ev Loehr
geboren 1938
nach Schulausbildung und Lehrzeit
Studium an der Akademie der
Bildenden Künste Nürnberg
Klasse für Textildesign
Meisterschülerin
Assistentin im Bereich
Gestaltungslehre
10 Jahre freischaffend für die
Textilindustrie
10 Jahre Lehrtätigkeit im
Fachbereich Gestaltung und freie
künstlerische Tätigkeit, seit Mitte
der 80er-Jahre ausschließlich eigene
Arbeiten mit Papier.
Verschiedene Ausstellungen in
Nürnberg, Eberbach, Frankfurt,
Freiburg.
Video-Dokumentation
“Raumzeichen” von Jörg Michael
Baldenius, 2002